Solo-Kanutour auf der Unteren Havel - 2009
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Havelinseln bei Ketzin
Die Nacht war nicht so still, einige Gäste wanderten lamentierend über den Campingplatz. Ich schlief jedoch wieder ein. Früh um 5:00h weckt mich meine Blase, es gibt gerade einen wunderschönen farbigen Sonnenaufgang. Ich mache ein paar Fotos und lege mich dann doch wieder hin, schlafe bis gegen 7:20h. Dann ist die Nacht jedoch entgültig vorbei. Ich gehe duschen, koche mir dann meinen "Kaffee" und frühstücke in aller Ruhe. Die ersten Camper verlassen mit ihren Wohnwagen und Wohnmobilen den Platz, haben wohl eine längere Heimreise vor sich. Mein Paddelnachbar aus Varel erscheint auch wieder unter den Lebenden, außer uns ist noch eine Frau auf dem kleinen Ufergelände für Wasserwanderer mit ihrem sehr kleinen Zelt.
Ich fange schon an, meine Sachen zu packen, das Zelt ist auch fast trocken. Um 9:00h sind meine Brötchen fertig, ich hole sie an der Rezeption ab. Dann baue ich noch das Zelt ab und packe es ein, gegen 9:30h ist Abfahrt. Der Mann aus Varel ist auch fertig und wir fahren fast gleichzeitig.
Wie immer morgens lasse ich es langsam angehen mit dem Paddeln, doch auch so bin ich bald bei Caputh angekommen. Rechts liegt der Zeltplatz Himmelreich, der Wentorfgraben dahinter zwischen Petziensee und Schwielowsee darf nicht befahren werden. Also nehme ich die Hauptstrecke, an der Enge zwischen Templiner See und Schwielowsee gibt es eine Fähre und eine Eisenbahnbrücke. Das Dampfschiff "Gustav", ein etwa 20m langer Ausflugsdampfer, passiert gerade die Enge. Der Wind ist noch verhalten, außer mir paddeln ein paar andere in Faltbooten und einige wenige Motorboote sind unterwegs. In der Bucht im Norden liegt eine Surf- und Kitesurfschule, es sind auch einige Surfer aktiv. Ich erkunde, ob die Mündung des Wentorfgraben als Pausenplatz zu nutzen ist, leider ist das Ufer steinig. Also verschiebe ich meine Pause auf später. Auf der längsten Stange der Fischreusen sitzt ein Kormoran. Der Wind nimmt zu, ich bekomme ihn nun direkt von der Seite, was mich dazu bringt, in Ufernähe zu paddeln.
Ab km15 kommt wieder Stadteindruck, die B1-Brücke erscheint. Dahinter liegt rechts der Ort Geltow, am Segelhafen ist schon viel Betrieb. Der Wind nimmt zu, ebenso die Wellen, hauptsächlich von den Motorbooten. Obwohl sie von der Seite kommen, liegt mein Kanu stabil. In der Ferne ist schon die Kirche von Werder zu sehen, ebenso der große Schornstein. Das rechte Ufer ist aber noch natürlich, bis ich Werder tatsächlich erreicht habe. Rechts von mir liegt im Schilf ein Steg mit einem großen Ponton, den nutze ich für einen kleinen Pausenaufenthalt. Dabei höre ich "ungewohnte" Vogelstimmen, dann sehe ich kurz die Verursacher: ein kleiner Schwarm Bartmeisen treibt sich hier herum, schwirrt kurz hierhin und dorthin und fliegt dann weiter. Ich bin sehr dankbar, diese seltenen Genossen mal wieder zu Gesicht bekommen zu haben (die letzten sah ich bei einer Kanuführung am Himmelfahrtstag dieses Jahr an der Oder). Am Grund des klaren Sees schwimmen einige kleine Fische, dann auf einmal ein etwa 30cm langer Spiegelkarpfen.
Bei meiner Weiterfahrt nehme ich unfreiwilig am Kanu-Training eines etwa 12-jährigen Schülers teil: ein kommender Kanurennstar wird gedrillt, der Trainer fährt mit dem Motorboot neben ihm her und brüllt seine Kommandos. Es mag ja sehr effektiv sein, grotesk und menschenunwürdig erscheint es mir jedoch allemal. In meinen Augen ist es pure Kindesmißhandlung, auch wenn der Junge es freiwilig tut.
Werder zieht mich magisch an, also wechsle ich die Seite und paddle jetzt am linken Ufer, aber an der östlichen Inselseite entlang. Es gibt Restaurants mit akzeptablen Anlegern, einige Yachthäfen. Im Hintergrund fährt ein ganzer Pulk von Segelbooten, alle mit bunten Gaffelsegeln, die sich im mittelstarken Wind groß aufblähen.
Jenseits der Stadtinsel von Werder wird es wieder grüner, es gibt aber noch weitere Yachtclubs sowie eine Werft mit Marina links, bevor ich unter der S-Bahnbrücke hindurchpaddle. Hier muß ich die Fahrrinne nehmen, da links von den Pfeilern ein Fischer alles komplett verbaut hat. Also warte ich, bis die Fahrrinne einigermaßen frei ist und paddle dann unter der Brücke hindurch. Der Winddruck hier ist schon recht kräftig, natürlich von vorne.
Hinter der Brücke wird es bedeutend ruhiger, links gibt es noch eine Werft, rechts nur Natur. Ich bin im "Großen Zernsee", rechts könnte man zum Wublitz abbiegen, eine für Motorboote gesperrte Seenkette, die zum Sacrower-Paretzer Kanal führt. Interessieren tut sie mich auch, zumal sie fast nur in praller Natur zu liegen scheint.
Der "Große Zernsee " wird vom "Kleinen Zernsee" durch die Autobahnbrücke getrennt: der Berliner Ring (A10) quert hier die Seenkette der Havel. Erstaunlicherweise ist es hier kaum laut, man hat an Schallschutz gedacht.
Am Kleinen Zernsee liegen die Orte Phöben und Töplitz, links erheben sich Wachtelberg und Haakberg mit immerhin knapp 90m. In Phöben gibt es einen Fischer und einen Kanuverleih. Bald bin ich bei km 4, eine "richtige Havel", nur etwa 150 - 200m breit, führt wieder durch reine Natur.
Die Ufer bieten hier kaum Schutz vor dem Wind, da es wenig Gehölz gibt. Rechts liegt eine Art "Deich", aus meinem TA5 weiß ich, daß hier der Göttin- See von der Havel getrennt ist. Man sieht ihn nur gelegentlich, wenn es eine Lücke im Damm gibt.
Es ist schon Abend geworden, gegen 18:00h bin ich an der Wasserstraßenkreuzung angekommen, wo die Havel, der Sacrow-Paretzer Kanal sowie der Havelkanal (aus Berlin-Henningsdorf kommend) zusammenfließen. Hier ist auch das Ende der "Potsdamer Seenhavel", km 0 also.
Zum Übernachten habe ich mir Ketzin ausgesucht, es soll hier mehrere Möglichkeiten geben. Die Havel ist hier sehr zerklüftet, es gibt kleine Inseln und viele Buchten. Die Marina Grünefeld spricht mich nicht so an. Da der folgende offizielle Campingplatz nicht direkt am Wasser liegt, verschmähe ich auch diesen und folge dem Schild "für Wasserwanderer", das mich bald zum Strandbad der Stadt Ketzin führt. Hier wurden die örtlichen Gegebenheiten schlau genutzt: es gibt neben der Liegewiese des Strandbads eine größere Fläche als Biwakplatz, ein Sanitärcontainer mit WC sorgt für ein Mindestmaß an Komfort und Hygiene. Ein Mitglied der örtlichen Administration kassiert 2 Euro von mir, wenn ich gewollt hätte, gäbe es auch noch einen Schlüssel. Ansonsten ist der Platz eingezäunt.
Ich baue also mein Zelt auf, alles ist ruhig, in der Nachbarschaft liegen ein paar Yachten mit Gästen. Ich höre einen Pirol flöten, ein paar Bläßhühner und Graugänse treiben sich herum. So kann ich mir in aller Ruhe mein Essen kochen und verspeisen. Ein langes Telefonat mit Gundula zu Hause bringt uns beide auf den neuesten Stand. Dann gehe ich früh schlafen, es ist noch nicht einmal 21:00h.