Solo-Kanutour auf der Unteren Havel - 2009
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Solo-Kanutour von Garz bis Havelberg
Am heutigen Samstag, den 27.Juni 2009 wache ich sehr früh auf, so daß ich schon um halb sechs Uhr umherstromern und fotografieren kann. Frühstücken, das zum Glück trockene Zelt abbauen, den Sanitärschlüssel an der verabredeten Stelle deponieren, alles verpacken und das Kanu beladen dauert bis um 7:22h, dann singe ich fröhlich mein übliches Abschiedeslied und paddle aus dem Hafen von Garz hinaus. Es ist noch immer sehr still, wie es die ganze Nacht still gewesen ist. Nur ein paar Vögel singen, eine späte Nachtigall ist auch dabei und ein Pirol sowie einige Drosseln und ein Zaunkönig. Ich wundere mich, warum ich die ganze Kanufahrt über keinen eizigen Kranich gehört und nur einen gesehen habe. Aber so ist es eben: Natur ist nicht berechenbar.
Heute morgen will ich noch schnell einen kleinen Umweg machen, bevor ich den Weg nach Havelberg antrete: ich will den WWR Strodehne aufsuchen, damit ich den auch einmal kennenlerne. Mit etwas Strömung, aber gegen Wind ca. 3bft. paddle ich zur Unteren Havel zurück, wo ich gestern herkam, und dann rechts die "Gülpener Havel" ein Stück hinauf. Diese hat deutliche Strömung im Gegensatz zur Unteren Havel auf dem Abschnitt von der Schleuse bis hier. Die knapp 700 Meter paddle ich langsam, benötige gefühlte 20 Minuten dafür. An der Dorfbadestelle von Strodehne könnte ich gut anlegen, sie gibt auch eine gute Einsetzstelle ab, mit gepflasterter Zufahrt und Parkplatz.
Ich paddle weiter zum WWR, bald sehe ich einige Motorboote an einem Schwimmsteg liegen und mache dort ebenfalls fest. Mit Kennerblick stelle ich fest, daß ich es hier mit einer durchdachten, gepflegten Anlage zu tun habe. Ein Schild verrät mir, daß sie von einem Wassersportverein betrieben wird. Es gibt ein Sanitärhaus mit Dusche und eine gut gestaltete Schutzhütte mit vielen Sitzplätzen. Ein großes Display gibt Auskunft über die Landschaft des "Naturpark Westhavelland" mit ihren Eigenheiten sowie den wichtigsten Kontaktadressen. Ich freue mich, daß es auch hier gelungen ist, einen gut ausgestatteten WWR zu errichten und für die Erhaltung zu sorgen. Dann lege ich wieder ab und paddle in Richtung Havelberg.
Auf der bald folgenden Brücke stehen einige Farradfahrer und winken mir zu. Freudig zurückwinkend paddle ich weiter, die Havel erscheint mir zunächst ein wenig kahl zu sein, bekommt jedoch dann schnell wieder bewachsene Ufer und auch sind einige Altarme zu sehen. Es gibt hier viele Rotmilane, ich sehe sogar einige auf einer alten hohen Weide sitzen, die nicht einmal wegfliegen, als ich unter ihnen vorbei paddle. Auch ein Schwarzmilan fliegt umher, sogar einen Fischadler hat es hierher gezogen.
Gegen 9:40h erreiche ich die Einmündung der Dosse ("Neue Dosse"), sie mündet als etwa 10 Meter breiter, eingedeichter Fluss beim Örtchen Vehlgast-Kümmernitz in die Untere Havel. Ich paddle ein wenig in die Dosse hinein, es ist jedoch hinreichend langweilig, so daß ich wieder hinausfahre. Rechts erscheint eine Sanddüne, es könnte auch ein Kiesvorrat sein, den die Menschen sich hier angelegt haben, sehr merkwürdig. (Auf Luftbildern sehe ich zu Hause, daß der Kies hier direkt dort angehäuft wurde, wo eigentlich Teil eines Altarms gewesen ist, sehr seltsam, vielleicht haben die Bürger zuviel Kies zum Zuschütten des Altarms bekommen, wie es in der Planwirtschaft vorkommt).
In Vehlgast-Kümmernitz lege ich am einem geeigneten Ufer in einem kurzen Altarm an, um den Biwakplatz in Augenschein zu nehmen. Es gibt sehr viel Platz und ein Chemieklo. Den angekündigten überdachten Sitzplatz finde ich jedoch nicht, ein mit viel wasserdicht verpacktem Gepäck reisendes Radfahrerpärchen grüßt mich freundlich. Das Dorf mäht kollektiv Rasen. Warum kann die Industrie nicht mal leise Rasenmäher bauen? Bei Baggern geht das doch auch inzwischen und bei Kompressoren.
Die folgenden Kilometer zeichnen sich dadurch aus, daß es sehr viel Sumpf neben der Havel gibt. Das hat zur Folge, daß ich einfach mehr seltene Tiere erlebe als vorher: ich zähle nicht mehr die Fischadler, dann einige Seeadler sowie Rot - und Schwarzmilane. Die von rechts kommende Einmündung der "Neuen Jäglitz" erkenne ich in den wilden Uferbereichen der Havel nicht einmal.
Ein Paddelboot erscheint, es entpuppt sich als ein älteres Pärchen in einem Zweier. Sie fangen sofort zu erzählen an, schwärmen für die Natur wie ich selbst auch und kommen aus Bielefeld. Seit 3 Wochen sind sie schon in Havelberg auf dem Campingplatz, unternehmen immer wieder Kanuausflüge in die nähere Umgebung. Als sie weiterpaddeln, schrappe ich leicht über die Granitsteine einer Buhne, von denen es hier eine Menge gibt. Sie waren nur leicht überflutet und für mich im Gegenlicht nicht zu erkennen. Dann erlebe ich etwas völlig Unerwartetes: von links schwebt ein sehr großer Vogel über die Havel, ich benötige einen Moment, bis ich begreife, meinen ersten Schwarzstorch in der freien Natur aus der Nähe zu sehen. Er fliegt dann in aller Ruhe wieder von links nach rechts, direkt vor meiner Nase, also in etwa 10m Entfernung. Mit dem richtigen Objektiv hätte ich eine schöne Aufnahme hinbekommen. Das ist für mich eine sehr freudige Überraschung, so wie ich es liebe. Ich bleibe noch eine Weile sehr aufgeregt und freue mich sehr.
Als nächstes sehe ich einen Seeadler auf einer toten Pappel sitzen, es ist ein sehr großer Altvogel mit weißem Kopf, von der Größe könnte es ein Weibchen sein (werden bis 2,4m Spannweite groß, Männchen bis 2,0m). Auch das ist für mich aufregend, ich sehe seinen großen Schnabel.
Bis ich in Havelberg ankomme, erlebe ich noch eine urwüchsige Havellandschaft, die mich ahnen läßt, wie es hier wohl einmal überall ausgesehen hat, bevor der Mensch in seiner Gier in übertriebenem Maße versucht hat, die Landschaft nach seinen Bedürfnissen zu formen. Es gibt eine große Zahl an Nebengewässern, also sehr viel Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Sehr viele Fische bewegen sich auch im Bereich der Wasseroberfläche, was darauf hindeutet, daß es hier auch mehr gibt als anderswo.
Dann taucht als Silhuette die Erhebung von Havelberg auf, zuerst ist der Dom zu sehen. Dann wird es zivilisierter, einige Ruderboote kommen die Havel hinauf, auch kleine Motorboote. Eine nette kleine Stadt erscheint, aufgeräumte Grundstücke, eine kleine Schiffswerft mit einem größeren Frachtschiff auf dem Stapel (quer zum Wasser!). Ein Ausflugsschiff kommt mir entgegen, die Fahrgäste grüßen freundlich. Die Insel der Innenstadt beeindruckt mich schon sehr, ich paddle links herum durch die Sandauer Brücke, die gerade eine Schwester bekommt: ein freitragender Beton-Stahl-Neubau wird demnächst die alte Konstruktion auf gemauerten Pfeilern ersetzen. Dann gibt es hier auch viel Platz für Fahrradfahrer und Fußgänger.
Ich schaue schon geradeaus in den Schleusenkanal, links liegt die Verladestation einer alten Fabrik, womöglich eine Kalksandsteinfabrik, wie es aussieht. Ich will jedoch rechts um die Stadtinsel herum zur Spülinsel paddeln und unterquere dabei eine hohe, schmale Fußgängerbrücke. Hier geht es also zum Campingplatz und zum Ruder- und Kanuverein. Der WSV-Havelberg ist mein Ziel, und an dessen Schwimmsteg komme ich um 13:24 h an.
Meine Vorstellung war, daß es hier am Wochenende nur so brummt und ich jede Menge Kanuten anträfe. Weit gefehlt, niemand ist anwesend. Ich rufe also die Bereitschaftsnummer an, es meldet sich ein kleiner Junge. Sein Vater wäre nicht da, ich solle doch mal die nächste angegebene Telefonummer versuchen. Auf der erreiche ich dann einen netten älteren Herrn, der sich bereit erklärt, kurz zum Verein zu kommen, obwohl er keine Bereitschaft hat. Bald darauf kommt er, ich miete mir für ein paar Tage einen Bungalow in Anbetracht der Situation, daß ich am Montag das Auto aus Spandau holen will, was schon mal fast den ganzen Tag dauern kann. Da ist es gut, die Ausrüstung unter Verschluß zu wissen.
Er erklärt mir dann noch, wo ich in Havelberg einkaufen und Geld ziehen kann, nimmt mich sogar in seinem Auto mit dorthin. So brauche ich nicht beide Strecken zu Fuß zu laufen. Ich hole mir Geld, kaufe viel zuviel ein und trage alsdann zwei Einkaufstüten zum Kanuverein auf die Spüinsel. Auf der Rücktour sehe ich eine Hochzeitsgesellschaft beim Fototermin auf der Spülinsel nahe dem Campingplatz, außer der Braut und der Fotografin sind alle in Trauerkleidung. Macht man das heute so? Ich bin nicht mehr up to date, was Heiraten anbetrifft, es scheint aber eine traurige Angelegenheit zu sein.
Auf dem Campingplatz treffen mehrere Wohnmobile ein, und ich begegne auch noch dem Pärchen mit dem Kajak aus Bielefeld. Die beiden wollen heute abreisen. Dann gehe ich zu "meinem" Bungalow, um mich einzurichten und zu kochen. Es ist gerade 15:46h geworden.
Was es heute zu Essen gibt? Ich habe noch eine kleine Dose Tomatencremesuppe, die will ich "anreichern". Dazu brate ich gut gewürzte Zwiebeln scharf an, gebe die Suppe hinein und dazu meinen Vorrat an Geflügelwurst im Glas, geschnitten. Das alles ordentlich nachgewürzt und gut erwärmt ergibt eine magenfreundliche, sehr nahrhafte Mahlzeit, die mich gut abfüllt.
Als ich mein Essen beendet und abgewaschen habe, ist es schon 18:35h. Was macht man an einem Samstag Abend allein in einem gemütlichen Städtchen draußen in der Natur? Am liebsten würde ich noch eine Abendtour unternehmen, dagegen spricht jedoch mein Hintern. Zur Zeit habe ich oft Sitzprobleme, ändere meine Sitzposition mehrmals am Tag: Von normalem Sitzen auf der hinteren Bank, wo die geringe Breite meines Holzkanus bequemes Paddeln verspricht über Knien auf der Anti-Rutsch-Matte in der Kanumitte bis hin zu Sitzen auf allen verfügbaren Polstern auf dem Boden mit einen Querholm im Rücken habe ich die verschiedensten Möglichkeiten. Ich habe das Kanu so gebaut, daß es keine festen Sitze gibt, nur so habe ich diese vielen Optionen.
Da ich also keine Abendpaddeltour unternehmen werde, schnappe ich mir meine Kamera und gehe ein wenig durch Havelberg. Beim Gehen telefoniere ich mit Gundula, währenddessen sehe ich einen Mink (Nerz) unter der Brücke zur Spülinsel, der gerade Beute im Maul hat. Was er da gefangen hat, kann ich nicht erkennen.
Gundula teilt mir mit, daß laut "wetteronline.de" am folgenden Sonntag recht gutes Wetter angesagt sein soll: Überwiegend sonnig, wenig Wind. Da wird mein Plan aufgehen, morgen die Strecke von Havelberg bis Quitzöbel zu erkunden, mit leichtem Tagesgepäck, und wieder zurück, das ergibt etwa 21 km.
In Havelberg, durch das ich nun schlendere, gibt es im Bereich der Innenstadt viele alte, überwiegend instand gesetzte Häuser. Es sieht teilweise richtig mittelalterlich aus, und blutrot blühende Kletterrosen bringen etwas südländisches Flair in den Ort. Die Neubauten sind zum Glück gut in das bestehende Ensemble integriert, so daß sie nicht stören. Es gibt aber wenig Geschäfte, so wie in den meisten Kleinstädten in Ostdeutschland. Vielleicht sollten die Grundstückseigentümer mal kreativ werden, von ihren hohen Mietforderungen absehen und Künstler und Aktive in alten Handwerksberufen in die Städte holen. Das bringt Flair, schafft Leben in der Stadt und regt Menschen an, ein anderes Leben zu führen. Heute findet man diese Szene überwiegend versteckt auf dem Land oder höchstens noch in Industriebrachen oder Abrißhäusern in Großstädten.
Auf meinem abendlichen Rundgang treffe ich noch einige Fahrradtouristen und komme ins Gespräch. Ich staune immer wieder, welchen Aktionsradius manche Leute auf ihrem Fahrrad so haben: Morgens in Berlin los und abends in Havelberg angekommen - so an die 70-100km pro Tag scheint heute normal zu sein. Ich erinere mich bei der Gelegenheit, daß mein Bruder und ich in unserer Kindheit, also mit 10-12 Jahren, mit ganz normalen Fahrrädern unsere Oma besucht haben. Diese wohnte etwa 65 km entfernt, und wir haben das auch an einem Tag geschafft. Allerdings empfand ich das damals schon als sehr große Reise.
An Industrie scheint es in Havelberg nur Schiffbau/Bootsbau zu geben, außer der kleinen Werft habe ich keine Betriebe gefunden, die etwas Besonderes herstellen oder machen. Also wird wohl der Fahrrad - und Motorbootstourismus das Geld in die Kassen spülen, auch der Campingplatz ist gut gefüllt und wird zum Wohlstand der Stadt beitragen. Es gibt sehr viele Zimmervermietungen. Die umliegenden Orte gehören ebenfalls zu Havelberg und sind teilweise touristisch von größerer Bedeutung, z.B. für Ornitologen, die den Vogelzug in der Region "Gülper See" und sonstigem Naturpark Westhavelland beobachten.
Ich beende meinen Stadtrundgang gegen 21:00h und trinke noch ein Schlückchen Himbeergeist mit mir alleine, bevor ich mich bettklar mache. Obwohl beim Ruderclub nebenan gefeiert wird, schlafe ich recht gut mit nur einer Unterbrechung.